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Kaum Sorgen um das t├Ągliche Brot

Üblicherweise kann die Schweizer Landwirtschaft den jährlichen Bedarf an Brotgetreide mehr oder weniger abdecken. Nicht so im nass-kalten letzten Jahr. Und jetzt führen der weltweit grösste und der fünftgrösste Weizenexporteur Krieg. Geht der Schweiz irgendwann das Getreide aus? Martin Süess, Betriebsleiter der Landi Zofingen, schätzt die Versorgungslage ein.




Eine Rampe hoch und schon steht man im Agrarcenter der Landi Zofingen. Hier beziehen Landwirte aus der Region alles, was sie für ihre Arbeit im Stall und auf dem Feld benötigen: Futtermittel, Saatgut, Dünger und vieles mehr. Auch die Steuerung der vor wenigen Jahren modernisierten Getreideannahmeanlage befindet sich hier. Martin Süess, Betriebsleiter der Landi Zofingen, ist verantwortlich dafür. Die Begleitung der Landwirte von der Aussaat bis zur Abnahme der Ernte ist für ihn eine Herzensangelegenheit Aufgewachsen ist Martin Süess auf dem elterlichen Bauernbetrieb. Der zweifache Familienvater aus Riken ist kein Mann der lauten Worte, doch wenn es um landwirtschaftliche Belange geht, hat er viel zu sagen. Er hat sich breit aus- und weitergebildet – Abschlüsse als Zimmermann, Meisterlandwirt und Agrotechniker zeugen davon.

Ein Traditionsbetrieb – seit 130 Jahren
Bevor er aufs Getreide zu sprechen komme, müsse er vielleicht ein paar Worte über die Landi verlieren, meint Süess einleitend. Die Zofinger Landi sei jetzt in ihrem 131. Betriebsjahr. Gegründet worden sei sie als Selbsthilfe- Genossenschaft von Bauern für Bauern mit der Idee, Betriebsmittel gemeinsam günstiger einkaufen und die eigenen Produkte zu besseren Preisen vermarkten zu können. Zum Beispiel auch das Getreide, das im Getreidecenter Zofingen abgeliefert und längere Zeit auch in der eigenen Mühle in Zofingen zu Mehl verarbeitet worden sei. Heute erfolge nur noch die Annahme in Zofingen, während die Vermarktung des gesamten in Schweizer Landis abgelieferten Getreides zentral über den Genossenschaftsverbund der Landi laufe, die Fenaco. Die Fenaco Genossenschaft ist eines der grössten Schweizer Unternehmen – ein Unternehmen, ohne das die Schweizer Landwirtschaft wohl ganz anders strukturiert wäre. Die Genossenschaft beschäftigt über 11’000 Mitarbeitende, erzielte 2019 erstmals in ihrer Geschichte über 7 Mia. Franken Umsatz und blieb 2020 leicht unter dieser Marke. Mit einem Nettoerlös von 1,96 Mia. Franken – davon stammen rund 1,055 Mia. Franken aus der Sparte mit Futtermitteln und Getreide – ist der Agrarbereich nach dem Detailhandel der zweitgrösste Unternehmensbereich. «Die fenaco/Landi-Gruppe ist damit die grösste Getreidevermarkterin in der Schweiz», erläutert Süess. In Zofingen selber nehme das Landi- Getreidecentern von den Genossenschaftern Futtergetreide (Gerste, Futterweizen und Körnermais) sowie im Lebensmittel-Bereich Brotweizen, Urdinkel, Raps und Sonnenblumen an. «Im Durchschnitt wird eine Gesamtmenge von 3500 bis 4000 Tonnen im Jahr angeliefert», weiss Süess. Wie ist diese Menge einzuschätzen? Wenig sei das nicht, meint er, doch als gross gelte ein Getreidecenter in der Schweiz erst, wenn es mehr als 10’000 Tonnen jährlich umsetze. Auf jeden Fall würden die Landis zusammen mit den Getreideproduzenten einen wichtigen Beitrag zur Selbstversorgung in der Schweiz leisten.

Die Silos in Zofingen sind leer
Weder Lebens- noch Futtermittel werden aktuell im Getreidecenter in Zofingen gelagert. «Unsere Silos sind leer», bestätigt Martin Süess. Das sei allerdings nicht unüblich, würden doch die Silos nach Möglichkeit jedes Jahr geleert. «Wir wollen die gelieferte Ware verkauft haben, bevor die neue Ernte kommt», sagt er. Allerdings seien die Silos dieses Jahr etwas früher leer gewesen als üblich. Einer der Gründe sei sicherlich im nass-kalten Wetter des letzten Jahres zu suchen. Üblicherweise können die Schweizer Landwirte den jährlichen Bedarf an Brotgetreide von etwa 450’000 Tonnen mehr oder weniger selbst abdecken. Doch im letzten Jahr fiel die Ernte mit rund 360’000 Tonnen Brotgetreide deutlich zu klein aus. Auch die noch vorhandenen Lager reichen als Überbrückung bis zur nächsten Ernte nicht aus. Auf die Mangellage hat swiss granum, die Schweizerische Branchenorganisation für Getreide, Ölsaaten und Eiweisspflanzen, bereits reagiert und dem Bundesamt für Landwirtschaft (BWL) eine zusätzliche, temporäre Erhöhung der Importkontingente von 40’000 Tonnen Brotgetreide für 2022 beantragt. «Anders als in ärmeren Ländern müssen wir uns im Moment in der Schweiz keine Sorgen ums tägliche Brot machen», meint Martin Süess.

Die Teuerung ist (noch nicht) in der Schweiz angekommen
Knappes Getreideangebot, steigende Preise. Dieses ökonomische Grundgesetz gelte für die Schweiz nur bedingt. Während die Preise für Getreide auf dem Weltmarkt in die Höhe geschossen seien, habe man in der Schweiz mit dem Abbau von Zöllen auf Getreideimporte die Preise lange Zeit stabil halten können, betont Martin Süess. Erst jetzt würden auch die Getreidepreise in der Schweiz langsam anziehen. Eine Entwicklung, die Konsumenten nicht freuen wird, aber für die Landwirte wichtig wäre. Denn der Krieg in der Ukraine hat bereits zu steigenden Produktionskosten, zum Beispiel beim Dünger, für die Landwirte geführt. Doch weil der Getreidepreis nur einen geringen Einfluss auf den Brotpreis hat, müssen sich Herr und Frau Schweizer momentan kaum Gedanken über steigende Brotpreise machen. Insgesamt macht der Rohstoff Getreide weniger als zehn Prozent des Brotpreises aus. Oder anders gesagt: Steigt der Getreidepreis um zehn Prozent, so resultiert daraus beim Brot eine Preisanpassung von einem Prozent, wie sich der UFA-Revue 4/2022, dem Fachmagazin für die Schweizer Landwirtschaft entnehmen lässt.

Eine gute Ernte 2022 ist wichtig
Nichtsdestotrotz: Die gegenwärtige Situation sei von vielen Unsicherheiten geprägt, hält Martin Süess fest. Insbesondere der Krieg im Osten Europas könne Auswirkungen auf die Versorgungssituation haben. Wichtig wäre in der aktuellen Situation, dass die Schweizer Bauern dieses Jahr eine gute Ernte einfahren können. «Die Situation wird sich dann je nach Ernte beruhigen oder verschärfen», sagt Martin Süess und hält abschliessend fest, dass die aktuelle Lage einmal mehr zeige, wie wichtig es sei, zu einer intakt produzierenden Landwirtschaft Sorge zu tragen.

THOMAS FÜRST