Woche 46 / 2018

Ohne Bewilligung bauen!


Unser nicht mehr ganz junger Gartenigel ist ein kräftiger. Zwei-, dreimal habe ich ihn, um ihn am Morgen beim Holen des «Zofinger Tagblattes » nicht plattgefahren anzutreffen, zu nächtlicher Stunde von der Quartierstrasse geholt und ihn hinter dem Haus in unserem Rasen ausgesetzt. Nun haben wir ihm ein robustes eigenes Haus geschenkt. Unser Gartennützling ist jetzt «Eigenheimbesitzer». Gerne hätte ich ihm dieses selbst gezimmert, im Moment fehlt mir aber leider noch die Zeit dazu. – Also habe ich gegoogelt und versucht so ein Haus bei einer geschützten Werkstatt zu erstehen. Fehlanzeige. Da ich jeden Prospekt, der mir in die Hände kommt, durchblättere, entdeckte ich das Igelhaus (Hedge Hog House), das die Firma Wildlife World England vertreibt. Es ist eine naturnahe Version auf einem Stahlrahmen, der im Laufe der Zeit von den benachbarten Pflanzen überwuchert wird und dann kaum noch auffällt. Der Eingang ist so konstruiert, dass andere Tiere abgehalten werden. Das Igelhaus hat eine Grösse von ca. 22 × 59 × 53 cm und wird an geeigneter Stelle einfach auf den Boden gesetzt. Um das Igelhaus vor Marder-, Dachs- und Fuchsattacken sicher zu machen, kann man es im Boden leicht verankern. Wählen Sie, geschätzte Leserinnen und Leser, beim «Igelhausbau» einen ruhigen, windgeschützten Platz, wo sie natürliche Nahrung wie Nacktschnecken, Würmer etc. finden, und legen Sie Blätter und kurz geschnittenes Gras um und in das Igelhaus. Zum Überwintern das Igelhaus mit Blättern und Ästen bedecken.


Generell gilt: Igel sind robuste Wildtiere, die keine Hilfe, sondern Rücksicht brauchen. Giftfreie Gärten mit ein bisschen Wildwuchs und aufmerksame Automobilisten – nur das sichert dem einheimischen Braunbrustigel das Überleben.– Die monatelange Hitzeperiode und das nie enden wollende «Sommermärchen» machten nicht nur den Menschen zu schaffen, sondern auch der Tierwelt. Besonders prekär ist die Situation bei den Igeln. Das gravierendste Problem: Igel ernähren sich vor allem von Würmern, Schnecken und Insekten, die bei grosser Hitze und ausgetrockneten Böden praktisch nicht zu finden sind. Kranke oder verletzte Tiere wurden von Tierfreunden so zahlreich eingesammelt und der Hotline von «Pro Igel» gemeldet wie noch selten zuvor. Die Tiere werden aufgepäppelt, nach Bedarf mit Medikamenten versorgt und über ein Aussengehege wieder ausgewildert. Ein Problem ist aber, dass viele Igel kurz vor der Winterruhe untergewichtig sind. Die Gefahr, dass diese Tiere den Winter nicht überleben werden, ist daher gross. Wer Igel wirklich mag, überlässt ihnen einen Teil seines Gartens. Es genügen einige Quadratmeter Wildwuchs mit langstieligem Gras, Laubund Totholzhaufen und Sträuchern mit Dickicht untenrum. Igelfreunde benutzen Gartengeräte mit viel Vorsicht, pflanzen nur einheimisches Gewächs und, jetzt aktuell, lassen das Laub liegen. Unter dem Laub findet der Igel vor und nach dem Winterschlaf die dringend benötigte Nahrung. Im Herbst zeigen sich die Folgen der sterilen Gärten besonders drastisch, unzählige geschwächte, kranke und unterernährte Igel sind auch tagsüber unterwegs und wecken den Beschützerinstinkt von Tierfreunden. Igeli sind süss und haben den Jööh-Faktor, kaum jemand kann an einem Igel in Not vorbeigehen und ihn seinem Schicksal überlassen. Guter Wille allein genügt aber nicht, entgegen der landläufigen Meinung ist die Igelpflege sehr anspruchsvoll und setzt Fachwissen voraus. Wie erkennt man, ob ein Igel Hilfe braucht? Stupsen Sie ihn an! Wenn er sich nicht einkugelt, hat er ernsthafte Probleme. Als erste Hilfe kann man ihn vorübergehend in einem Karton auf einer handwarmen Wärmeflasche lagern. Anschliessend muss man unbedingt mit einer Igelstation Kontakt aufnehmen.

Schon ab Mitte Oktober wird das Nahrungsangebot für Igel deutlich knapper, die Alttiere beginnen ihr Winternest zu bauen und Jungigel versuchen noch weiter an Gewicht zuzulegen. Das ideale Winterquartier besteht aus einem Haufen totem Holz, Reisig und Laub. Ihre Winterquartiere suchen die Igel bei anhaltenden Bodentemperaturen um null Grad auf. Schutz gegen Kälte finden sie in Erdmulden, unter Hecken oder eben in Reisighaufen. Neben natürlichen Unterschlupfmöglichkeiten kann man zusätzlich ein Igelhäuschen aufstellen. Wer Tieren einen dauerhaften Platz bieten möchte, kann den Reisighaufen mit einer Basis aus Feldsteinen versehen.

Manche verspätete Jungigel sind jetzt noch, Anfang November, tagsüber unterwegs, um sich weitere Fettreserven anzufressen. Diese Tiere sollten nicht aus falsch verstandener Fürsorge aufgenommen werden. Nur wenn ein Igel auffallend unterernährt oder krank ist, sollte er versorgt oder einer Igelstation übergeben werden. Unterkühlte Igel werden gewärmt mit einer in einem Frotteehandtuch umwickelten, lauwarmen Wärmeflasche. Gefüttert werden sollte nur nicht verderbliches Feucht- oder Trockenfutter für Katzen, keinesfalls Speisereste oder Dosenfutter. Igel brauchen viel Eiweiss und Fett, die aufgenommenen Kohlenhydrate durchs Insektenfressen sind unverdaulich und dienen lediglich als Ballaststoffe. Deshalb ist auch Hundefutter aufgrund seiner im Vergleich zum Katzenfutter proteinärmeren und kohlenhydratreicheren Zusammensetzung nicht geeignet. Frisst der Igel in der Nacht nach der Aufnahme nicht, muss der Tierarzt aufgesucht werden.

Igel suchen vor dem Winter einen Ort, der ihnen Schutz und Ruhe für den Winterschlaf bietet. Rund 25 % der Igel überleben den ersten Winter nicht. Der Hauptgrund hierfür ist eine unzureichende, nicht sichere Behausung. Andere Gründe sind der Gebrauch von Schneckengift, allgemeinen Pestiziden, Gartentrimmer, Verfeuerung von Gartenabfällen, Strassen sowie zu spät geborene Igel, die nicht das notwendige Gewicht von 500 g erreichen, umgefahrlos zu überwintern. Der Igel hält von November bis April (je nach Temperatur) Winterschlaf. Von Juli bis September benötigt er vor allem bei schlechtem Wetter eine Schutzhütte. Igel essen alles, was sie finden. Als Fleischfresser mögen sie Käfer, Würmer oder Schnecken. Tischabfälle oder Tierfutter in Dosen (nicht auf Fischbasis) fressen sie auch (max. 50 g). Immer eine Schale mit Wasser bereitstellen. – Vorsicht: Milch hilft den Tieren überhaupt nicht. Igel können durch die enthaltene Laktose sogar sterben. Viele von ihnen sind gerade trächtig und bringen im August ihre Jungen auf die Welt. Gerade da hilft eine schlichte Wasserstelle, die Trockenheit zu überleben. Und über das kostbare Nass freuen sich auch die anderen Gartenmitbewohner.

Durch Stacheln geschützt haben die Igel die letzten 30–40 Millionen Jahre überstanden. Sie waren schon zur Zeit der Auffaltung der Alpen unterwegs und haben sich nach der letzten Eiszeit wieder hier angesiedelt. Man kann davon ausgehen, dass sie auch uns Menschen überleben werden, möglicherweise aber nicht bei uns. Noch vor sechzig Jahren besiedelten Igel das ganze kleinräumig strukturierte Mittelland mit seinen vielen Hecken und Sträuchern, dann wurden sie durch die industrialisierte Landwirtschaft verdrängt. Heute kommen sie nur noch in unseren Siedlungen vor. – Hausgärten sind für die Artenvielfalt in unserer Tierwelt sehr wichtig und könnten im Siedlungsgebiet ein kompaktes Netz von Lebensräumen bilden.

Was der Einzelne tun kann
• Bieten Sie in Ihrem Garten Unterschlupf und Nistmöglichkeiten wie niedriges Buschwerk, Laub- und Reisighaufen für Igel an.
• Schaffen Sie Überwinterungsquartiere, indem Sie zum Beispiel ein Igelhäuschen bauen.
• Verzichten Sie auf englischen Rasen und exotische Gehölze imGarten.
• Gestalten Sie Ihren Garten ohne kleinmaschige Zäune, damit sich Igel frei fortbewegen können.
• Kein Abbrennen von Reisighaufen ohne vorheriges vorsichtiges Umsetzen.
• Vorsicht beim Mähen sowie bei Aufräumungs- und Rodungsarbeiten: In Haufen und Holzstapeln können sich Igelnester befinden. • Kellerschächte und Gruben sind Tierfallen, die abgedeckt werden sollten.
• Baugruben, Kabel- und ähnliche Gräben (auch an Strassen) auf hineingefallene Igel kontrollieren und Opfer aus ihrer misslichen Lage retten.
• Rettungsplanken für Teiche und an Wasserbecken mit steilem, glattem Rand anbringen, damit sich Igel im Notfall selbst retten können.
• Keine Schlagfallen aufstellen und keine Vogelschutznetze am oder bis zum Boden verwenden.
• Kein unnötiger Chemieeinsatz im Garten: Schöpfen Sie bei der Schädlingsbekämpfung umweltverträgliche Alternativen aus.
• Sorgen Sie regelmässig für frisches Trinkwasser, zum Beispiel mit einem Vogelbad oder einer Tränke im Garten.
• Verzichten Sie auf Laubsauger.

BRUNO MUNTWYLER, CHEFREDAKTOR/ZVG