Woche 48 / 2020

Rekordverdächtige Ernte


Deutlich besser als 2019 ist dieses Jahr die Ernte der Imkerinnen und Imker in der Schweiz ausgefallen. Honigliebhaber dürfen sich also freuen. Zu Freuden und Sorgen der Imker äusserten sich zwei Mitglieder des Bienenzüchtervereins Wiggertal. Gute Nachrichten hatte kürzlich «apisuisse», der Dachverband der Schweizerischen Bienenzüchtervereine, zu vermelden. Weil es Petrus dieses Jahr sehr gut mit den Bienen meinte, konnten Imkerinnen und Imker in der Schweiz eine ansprechende Frühlingshonigernte und – mit regionalen Unterschieden allerdings – sogar rekordhohe Sommerhonigernten einbringen. Das ergab die jährliche Umfrage, an der nahezu 1200 Imkerinnen und Imker teilnahmen. Besonders voll fielen die Bienentöpfe im Aargau aus, der mit einem durchschnittlichen Ertrag von über 40 Kilogramm Honig pro Bienenvolk in der Spitzengruppe liegt. Der durchschnittliche Ertrag ist auch deutlich höher als letztes Jahr. 2019 konnten nämlich im Schnitt nur gerade 13 Kilogramm Honig pro Bienenvolk geerntet werden.


Sehr viel Waldhonig
«Ja, es war allgemein ein sehr gutes Honigjahr», bestätigt auch Martin Ammeter, Imker aus Rothrist und Ehrenpräsident der Wiggertaler Bienenzüchtervereinigung. Gleichzeitig gibt der eidg. dipl. Carrossier aber zu bedenken, dass die Honigerträge sehr unterschiedlich ausgefallen seien. «Es hat dieses Jahr vor allem sehr viel Waldhonig gegeben», betont Ammeter. Rund zwei Drittel der Gesamternte sei Waldhonig. Das sei auf die enorm lange Blütezeit im Wald zurückzuführen, weiss der 63-jährige Ammeter. «Vom 8. Mai bis Ende August hat der Wald dieses Jahr ‹g’hungget› », während es im Vorjahr im Wald nur gut einen Monat geblüht habe. Entsprechend zufrieden mit der diesjährigen Honigernte sind denn auch Imker, die ihre Bienenstände in Waldnähe platziert haben. «Die Nähe zum Boowald war dieses Jahr von Vorteil», bestätigt auch Christian Uhlmann. Der Imker aus Glashütten, der seit mehr als zehn Jahren auch die Belegstation St. Ueli des Wiggertaler Bienenzüchtervereins leitet, spricht denn auch von einer «guten Ernte». Sein strahlender Ausdruck auf dem Gesicht verrät, dass er ebensogut von einer sehr guten Ernte sprechen könnte. «Ja, vierzig Kilogramm pro Volk habe ich schon gehabt», bestätigt der 46-jährige Uhlmann.

Wer züchtet, erntet weniger
Äusserst zufrieden mit seiner Ausbeute ist auch Martin Ammeter, obwohl er «nur» rund zwanzig Kilogramm Honig pro Bienenvolk ernten konnte. «Ich züchte in erster Linie Königinnen – da fällt die Ernte naturgemäss geringer aus», sagt Ammeter. Er habe dieses Jahr über 100 Königinnen gezüchtet, alleine im Frühling schon 60. Damit jede einzelne dieser Königinnen versorgt ist, muss Ammeter seine Bienenvölker «schröpfen», wie es in der Fachsprache heisst. Das heisst, er muss rund 150 Gramm Bienen pro Zuchtkästli und Bienenkönigin aus seinen Völkern abziehen, was logischerweise die Honigproduktion seiner Bienenvölker mindert.

Der Aargau fördert die Biodiversität
Überhaupt möchte Ammeter weniger über Zahlen und mehr über Bienen sprechen. «Eine Statistik ist immer nur eine Momentaufnahme und sagt wenig über den Zustand der Bienenwelt aus», führt er aus. Wichtig für Bienen sei in erster Linie ein ausreichendes Nahrungsangebot. Es liesse sich feststellen, dass eine gestaffelte Blütenfolge zunehmend fehle, meint Ammeter, was die Bienen unter Druck setze. Sie hätten über kurze Zeit ein blühendes Überangebot und dann fehle es am Nahrungsangebot oft gänzlich. Besonders dort, wo Ackerbau betrieben werde, hätten Bienen einen schweren Stand, führt Ammeter aus. «Der Kanton Aargau setzt mit dem Labiola-Programm (Landwirtschaft Biodiversität Landschaft) vorbildliche Massnahmen um, die die Biodiversität im ganzen Kanton gefördert haben, was auch die Lebensgrundlagen von Bienen gefördert hat», sagt Ammeter. Ergänzend gebe es seit 2016 ein vorbildliches «Ressourcenprojekt bienenfreundliche Landwirtschaft », das auf einer Zusammenarbeit von Bauernverband Aargau, Verband Aargauer Bienenzüchtervereine und Landwirtschaft Aargau beruhe. Von Massnahmen wie «keine Mahd bei Bienenflug», dem «Verzicht auf Mähaufbereiter auf Biodiversitätsflächen » und dem Anlegen von Kleinstrukturen oder mehrjährigen Blühstreifen/- flächen profitiert nicht nur die Bienenwelt. Den Landwirten wird ihr Einsatz als Landschaftspfleger abgegolten. «Die Zusammenarbeit zwischen Landwirten und Imkern wird zunehmend wichtiger – und mit derartigen Programmen wird eine win-win-Situation geschaffen», betont Martin Ammeter.

Varroamilbe bleibt eine Bedrohung
Denn die Biene ist nach wie vor unter Druck. «Die Varroamilbe bleibt eine Bedrohung», hält Martin Ammeter unmissverständlich fest. Der einst aus Asien eingeschleppte Schädling pflanzt sich in der Bienenbrut fort, belastet diese mit Viren und ernährt sich von der nährstoffhaltigen Körperflüssigkeit der Bienen, der Hämolymphe. Im Kampf gegen den weltweit grössten Bienenschädling hilft nur der Einsatz von chemischen Hilfsmitteln. In der Belegstation St. Ueli in Strengelbach hat Christian Uhlmann die Winterbehandlung kürzlich vorgenommen und die Wabengassen mit Oxalsäure beträuffelt. Das sei die wichtigste Behandlung im ganzen Jahr, weiss Uhlmann, weil diese die Bienenvölker vom Varroadruck entlaste. Uhlmann zeigt eine Unterlage, die voll von Milben ist – die Behandlung hat gut angeschlagen. Die chemischen Rückstände bauen sich übrigens bis zum Frühling ab, wenn die Völker mit der Honigproduktion beginnen.

Nach anderen Wegen suchen
Die Behandlungen der Bienenvölker mit Ameisen- und Oxalsäure zur Linderung des Varroadrucks sei momentan alternativlos, betont Martin Ammeter. Der Rothrister Imker weist aber darauf hin, dass diese Behandlung eigentlich in die falsche Richtung laufe. «Der Behandlungserfolg beträgt nie 100 Prozent», weiss Ammeter. Es seien immer die resistentesten Milben, welche eine Behandlung überlebten – sie würden dadurch also gestärkt, während die Bienen durch die schädigenden Behandlungen geschwächt würden. Ammeter ist überzeugt, dass es mittels Züchtung Wege gibt, damit die Biene eine Resistenz gegen die Varroamilbe entwickeln könne. In einer kleinen Gruppe ist er daran, varroasensitive Bienenvölker zu suchen. Ein zukunftsträchtiger Ansatz.

Keine Nachwuchsprobleme
Das Interesse an der Imkerei hat nicht zuletzt seit dem 2012 erstmals gezeigten Dokumentarfilm «More than honey » von Markus Imhoof gewaltig zugenommen. Die vom Wiggertaler Bienenzüchterverein angebotenen Grundkurse für Imkernachwuchs sind regelmässig sehr gut belegt, meist sogar ausgebucht. Der Verein mit Sitz in Strengelbach wurde 1886 gegründet und zählt aktuell 182 Mitglieder, davon sind rund 20 aktive Imker, welche ebenfalls gezielt Königinnen züchten.

THOMAS FÜRST